Aufgefaltete alte Landkarte auf einem sonnendurchfluteten Holztisch

Zeig mir deine Welt

Wie ich neurodivergenten Menschen in der Psychotherapie begegne

Ich weiß nicht,

wie es ist, die Welt so wahrzunehmen wie du.

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Ich weiß nicht,

welche Geräusche sich für dich kaum aushalten lassen.

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Wie viel Energie ein Gespräch kostet.

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Oder wie viele Gedanken gleichzeitig in deinem Kopf unterwegs sind.

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Ich weiß nicht,

wie es ist,

du zu sein.

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Aber ich möchte deine Welt kennenlernen.

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Nicht, indem ich glaube,

sie bereits zu verstehen.

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Sondern indem ich neugierig bleibe.

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Ich bringe Wissen über Autismus und andere Formen von Neurodivergenz mit.

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Ich kenne Begriffe und Konzepte,
die in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen:

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Masking.

Social Camouflaging.

Hypo- und Hypersensitivität.

Reizüberflutung.

Alexithymie.

Monotropismus.

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Das Gefühl, eine Sprache sprechen zu müssen, die nie ganz die eigene war.

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Das Double-Empathy-Problem.

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Die Erfahrung, immer wieder missverstanden zu werden.

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Ich weiß, dass manche neurodivergente Menschen jahrelang versucht haben, in eine Welt hineinzupassen, die sich nie ganz passend angefühlt hat.

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Und trotzdem gehe ich nicht davon aus, dass ich weiß,

wie deine Welt aussieht.

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Denn wenn ich einen neurodivergenten Menschen kenne,

kenne ich genau einen.

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Dich möchte ich erst kennenlernen.

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Kein Fachwissen kann mir sagen, wie sich deine Welt anfühlt. Es begleitet mich und gibt mir Orientierung.
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Doch im Mittelpunkt bist du.

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Deine Erfahrungen.
Deine Wahrnehmung.
Deine Worte.
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Oder auch das, was sich noch nicht in Worte fassen lässt.

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Fachwissen und Erfahrung in der Begleitung neurodivergenter Menschen sind wichtig.

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Entscheidend ist für mich, wie dieses Wissen in der Begegnung mit einem Menschen seinen Platz findet – getragen von einer Haltung, die von Echtheit, Empathie und Wertschätzung geprägt ist.

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Vielleicht frage ich dich am Anfang einer Stunde „Wie geht es dir?“

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Und vielleicht sagst du: „Ich weiß es nicht.“

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Oder du schaust mich fragend an, weil diese Frage zu offen ist

und du nicht weißt, wo du mit deiner Antwort beginnen sollst.

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Dann suchen wir gemeinsam andere Fragen: 

‍Was war heute leicht?

Was war schwer?

War dein Tag eher ruhig oder anstrengend?

Gab es einen Moment,

der dir im Kopf geblieben ist?

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Oder wir beginnen ganz woanders. Es gibt keinen richtigen Einstieg.

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Vielleicht brauchen Gefühle bei dir Zeit. Vielleicht verstehst du erst Stunden später, warum dich etwas belastet hat.

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Dann müssen wir nichts erzwingen. Wir dürfen gemeinsam warten, bis Worte auftauchen. Und wenn sie nicht kommen, ist das auch in Ordnung.

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Du musst in meiner Praxis nicht sprechen, wenn dir gerade nicht danach ist.

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Wir können schreiben.

Etwas zeichnen.

Uns Gegenstände zur Hilfe nehmen.

Oder einfach gemeinsam still sein.

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Wir müssen uns auch nicht gegenübersitzen. Vielleicht ist eine andere Sitzposition angenehmer. Oder den Blick schweifen zu lassen.

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Beziehung entsteht nicht durch Blickkontakt. Beziehung entsteht dadurch, dass sich ein Mensch gesehen fühlt.

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Mir ist wichtig, dass Therapie berechenbar sein darf.

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Wenn dir feste Routinen Sicherheit geben, finden wir einen Termin, der möglichst gleich bleibt.

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Wenn du wissen möchtest, was heute passiert oder womit wir uns das nächste Mal beschäftigen, sprechen wir darüber. Vorhersehbarkeit ist für viele Menschen eine Entlastung.

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Vielleicht wünschst du dir, dass ich aktiver bin.

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Dass ich Fragen stelle.

Gedanken sortiere.

Zusammenhänge sichtbar mache.

Ein Gespräch strukturiere.

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Vielleicht möchtest du das nicht. Dann finden wir gemeinsam einen anderen Weg.

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Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich nach.

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Ich möchte verstehen, was du meinst und welche Bedeutung etwas für dich hat.

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Ich bemühe mich, klar und möglichst eindeutig zu sprechen

und versteckte Botschaften oder bildhafte Formulierungen, die missverständlich sein könnten, zu vermeiden.

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Auch Humor hat für mich seinen Platz und braucht dafür keine Ironie.

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Kommunikation entsteht zwischen zwei Menschen.

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Wenn wir uns missverstehen, können wir gemeinsam herausfinden, wo das Missverständnis entstanden ist, und es klären.
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Manchmal lernen wir gerade dadurch etwas Neues voneinander.

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Deshalb nehme ich mir immer wieder Zeit, unsere gemeinsame therapeutische Arbeit zu reflektieren. Dabei frage ich mich, ob ich mich klar ausgedrückt habe, welche Annahmen ich möglicherweise mitgebracht habe und wie ich dir noch besser begegnen kann.

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Vielleicht erzählst du mir

von einem Thema,

das dich begeistert.

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Ich höre dir gerne zu.
Denn was dir wichtig ist,
darf hier Raum haben.

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Spezialinteressen können von vielem erzählen:

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Von Freude.

Von Sicherheit.

Von Identität.

Von tiefem Wissen und Begeisterung.

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Und manchmal beginnt Beziehung genau dort.

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Ich kann auch eine Brücke sein. ‍Zwischen unterschiedlichen Arten, die Welt zu erleben und zu verstehen.

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Gemeinsam können wir nach Worten suchen, mit denen du anderen verständlich machen kannst, was du brauchst.

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Und manchmal erzähle ich auch etwas von mir. Nicht, weil es in der Therapie um mich geht. Sondern wenn ich glaube, dass es dir helfen könnte, dich weniger allein zu fühlen, einen Gedanken einzuordnen oder eine neue Perspektive zu entdecken.

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Ich wünsche mir,

dass Therapie für dich kein Ort wird,

an dem du lernen musst,

noch besser zu funktionieren.

‍

Sondern ein Ort,

an dem du immer weniger das Gefühl hast,

funktionieren zu müssen.

‍

Ein Ort, an dem wir gemeinsam neugierig werden.

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Auf deine Wahrnehmung.

Auf deine Gedanken.

Auf deine Gefühle.

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Auf deine Art, die Welt zu erleben.

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Denn ich glaube,

dass echte Begegnung

nicht dort entsteht,

wo zwei Menschen gleich sind.

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Sondern dort,

wo beide bereit sind,

die Welt des anderen

kennenzulernen.

„Das gute Leben ist ein Prozess, kein Daseinszustand. Es ist eine Richtung, kein Ziel.“
Carl R. Rogers