Ein persönlicher Einblick
Während meiner Ausbildung zur Psychotherapeutin habe ich gemeinsam mit einer Freundin mein erstes Buch geschrieben.
Ein Anfang.
Ein Versuch, Innenwelten spürbar zu machen – leise, aufrichtig, nah.
Seither bin ich weitergegangen.
In meiner Praxis.
In meiner Haltung.
In mir.
Ich begleite viele autistische Menschen. Und mit der Zeit ist in mir der Wunsch gewachsen, Worte für das zu finden, was ich in unseren Begegnungen lernen durfte.
Nicht für sie.
Sondern aus der Beziehung heraus.
Aus dem Dabeisein.
Dem Mitgehen.
Dem gemeinsamen Suchen nach Verstehen.
„Innenwelten“ ist Teil meines Weges. Hier spiegelt sich wider, was sich in der Begegnung entfaltet: eine Haltung, die nicht vorgibt zu wissen, sondern Raum lässt, die nicht analysiert, sondern zuhört, die nicht einordnet, sondern anerkennt.
Und vielleicht ist es auch ein Zeichen dafür, wohin mich dieser Weg führt – näher an die Menschen. Und gleichzeitig: näher zu mir selbst.
Ich schreibe nicht nur als Psychotherapeutin,
sondern auch als Mensch –
aus einer Haltung heraus.
Der personzentrierten Haltung,
die keine Methode ist,
sondern eine Art,
dem Menschen zu begegnen.
Diese Haltung hat eine Geschichte. Sie geht zurück auf Carl R. Rogers (1902–1987), einen der Begründer der humanistischen Psychologie. Rogers entwickelte die klientenzentrierte Psychotherapie. Für ihn stand nicht das Problem im Mittelpunkt, sondern die Person. Und das Vertrauen darauf, dass jeder Mensch die Fähigkeit in sich trägt, sich unter günstigen Bedingungen in eine konstruktive Richtung zu entwickeln.
Die personzentrierte Haltung prägt meine Arbeit.
Meine Beziehungen.
Meine Sprache.
Und „Innenwelten“.
Sie ist nichts, was ich wie einen Mantel ablegen kann. Sie endet nicht an der Tür meiner Praxis. Sie war schon da, lange bevor ich die Ausbildung begonnen habe. Für mich ist sie keine Berufsrolle – sondern eine Lebensaufgabe.
Und ich weiß:
Ich bin nicht immer in dieser Haltung.
Und das ist in Ordnung.
Denn außerhalb der Therapie bin ich vor allem: Mensch.
Auch ich darf Grenzen haben.
Ich darf Nein sagen.
Ich muss nicht alles aushalten.
Nicht immer verständnisvoll sein.
Und ich darf mich selbst in meinem So-Sein ernst nehmen.
Als Psychotherapeutin stelle ich meine Aufmerksamkeit, meine Empathie und meine Zeit bewusst in den Dienst meiner Klient*innen.
Nicht als diejenige, die „besser weiß“ –
sondern als jemand, die ein Stück des Weges mitgeht.
Nicht als Expertin für ihr Leben –
sondern als Gegenüber, das zuhört,
versteht und gemeinsam nach Bedeutung sucht.
Ich sehe mich nicht als jemanden, der mehr weiß oder das Leben besser versteht, nur weil ich Psychotherapeutin bin.
Meine Verantwortung in der therapeutischen Beziehung liegt darin, ein authentisches, zugewandtes Gegenüber zu sein.
Offen.
Präsent.
Absichtslos.
Ich bin nicht da, um Menschen zu sagen, wie sie leben sollen. Ich bin da, damit sie wieder mit sich selbst in Kontakt kommen, ihr eigenes Erleben wahrnehmen und ihren Bedürfnissen mehr vertrauen können.
Ich kann einen geschützten,
verlässlichen und von
Verschwiegenheit getragenen Raum anbieten.
Einen Ort,
an den Menschen immer wieder zurückkehren können –
in schwierigen Lebensphasen,
in Krisen,
oder wenn sich das Leben verändert.
Ich kann Bedingungen schaffen,
unter denen Entwicklung möglich wird –
aber ich weiß nicht,
welche Richtung diese Entwicklung nehmen wird
und was für einen Menschen eine „gute“ Entwicklung ist.
Es sind nicht Diagnosen, die den Unterschied machen – sondern eine Beziehung, die trägt:
Echtheit.
Bedingungsfreie positive Beachtung.
Empathisches Verstehen.
Und der Mut, einem Menschen zu begegnen, ohne ihn in eine bestimmte Richtung führen zu wollen.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht das Problem. Sondern der Mensch.
Mit allem, was da ist.
Mit allem, was noch ganz vorsichtig in einem ist.
Mit allem, was noch nicht in Worte passt.
Mit allem, was vielleicht erst leise spürbar wird.
Mit allem, was sich erst im Laufe der Zeit zeigen darf.
Es ist kein Wissen, das übergestülpt wird – sondern ein Vertrauen darauf, dass das, was gebraucht wird, bereits da ist.
Manchmal überlagert von Angst.
Von Anpassung.
Von alten Bildern.
Oder von Erwartungen anderer.
Aber nie verloren.
Personzentriert bedeutet für mich, Menschen mit Würde zu begegnen. Nicht zu erklären, wer sie sind – sondern mit ihnen zu gehen. In ihrem Tempo. Mit aller Offenheit.
Gesehen werden.
Verstanden werden.
Begleitet werden – nicht in Richtung einer vermeintlichen Normalität,
sondern hin zu sich selbst.
In der Therapie erlebe ich mich manchmal auch als eine Art Übersetzerin zwischen unterschiedlichen Wahrnehmungswelten. Viele meiner autistischen Klient*innen nutzen die therapeutische Beziehung, um Rückmeldungen aus einer Perspektive zu erhalten, die ihnen im Alltag oft nur schwer zugänglich ist. Im geschützten Raum der Therapie kann gemeinsames Verstehen entstehen.
Manchmal bedeutet das,
Erfahrungen in Worte zu fassen.
Missverständnisse sichtbar zu machen.
Oder unterschiedliche Sichtweisen behutsam miteinander zu verbinden.
Dabei geht es nie darum,
eine Norm durchzusetzen
oder Menschen an gesellschaftliche Erwartungen anzupassen.
Es geht um Orientierung. Um gegenseitiges Verstehen. Und darum, den eigenen Weg in einer Welt zu finden, die in vielen Dingen anders wahrgenommen wird.
Ich habe erfahren,
was es bedeutet,
gemeinsam mit Klient*innen auszuhalten.
Präsent zu bleiben.
Im Hier und Jetzt.
Aushalten bedeutet für mich kein passives Abwarten. Sondern ein aktives Dasein.
Halt geben.
Mittragen.
Zusammenhalten.
Begleiten.
Gemeinsam das Noch-nicht-Wissen aushalten.
Gerade in diesem gemeinsamen Dasein kann Veränderung entstehen –
oft leise,
oft langsam,
und manchmal genau dann, wenn niemand versucht, sie herbeizuführen.
Psychotherapie wird manchmal missverstanden als Werkzeug, um Menschen passender für eine Gesellschaft zu machen, die auf Anpassung setzt.
Nach dem Motto:
„Macht Psychotherapie, damit ihr besser funktioniert.“
Doch genau das ist nicht mein Ansatz.
Ich begleite Menschen dabei, sich selbst zu helfen.
Sich besser zu verstehen.
Wieder mit sich selbst in Kontakt zu kommen.
Und in sich selbst Halt zu finden.
Fragen zu stellen wie:
Was ist wirklich meins?
Was will ich?
Wie möchte ich leben?
Was war bisher fremdbestimmt – und was darf jetzt neu entstehen.
Es geht nicht darum, Menschen zu erziehen oder zu formen. Sondern einen Raum zu schaffen, in dem sie sich selbst begegnen können.
Auch für Widerstand. Für ein klares: Mit mir nicht!
Für den Mut zu sagen: Mein Weg ist ein anderer. Vielleicht ein radikal anderer!
Selbstermächtigung ist dabei kein Ziel – sondern die Folge einer einzigartigen Beziehung. Weil ich nicht über den Menschen spreche, sondern mit ihm. Weil ich sein So-Sein respektiere. Und mich darin übe, mein Nichtwissen auszuhalten.
Ich habe immer wieder Menschen im Autismus-Spektrum begleitet, die sich selbst abwerten. Die glauben, sie seien falsch. Die keinen Platz in der Welt finden.
Ich bin überzeugt: Anderssein muss keine Abwertung bleiben.
Wenn ein Mensch in der Therapie zum ersten Mal wirklich erlebt: Ich bin anders – aber ich bin nicht falsch.
Dann verändert sich etwas.
Vielleicht wird dann aus:
Ich bin anders.
Ich bin falsch.
Ich bin allein.
langsam:
Ich bin anders. Aber ich bin weder falsch noch allein.









