Ich weiß nicht mehr, wann ich angefangen habe, das zu glauben.
Vielleicht gab es keinen bestimmten Moment. Vielleicht waren es viele kleine. Das Lachen der anderen, wenn ich etwas sagte, das ich ernst meinte. Das Schweigen, nachdem ich zu ehrlich gewesen war. Die Ungeduld, wenn ich wieder eine Frage stellte, obwohl ich die Antwort eigentlich schon hätte wissen sollen.
Der Moment, in dem jemand vor mir weinte und ich so gerne helfen wollte, aber nicht wusste, was dieser Mensch in diesem Augenblick brauchte.
Irgendwann habe ich verstanden, dass es Dinge an mir gibt, die besser niemand sieht.
Also habe ich gelernt.
Wann ich lächeln muss. Wie lange ich jemandem in die Augen sehen sollte. Wann eine Frage angebracht ist und wann ich besser so tue, als hätte ich verstanden.
Ich habe gelernt, meine Hände stillzuhalten, obwohl die Bewegung mir geholfen hätte. Weiterzureden, obwohl ich längst eine Pause gebraucht hätte. Zu bleiben, obwohl die Geräusche, die Stimmen und die vielen Eindrücke kaum noch auszuhalten waren.
Manchmal war ich sogar richtig gut darin.
Die Menschen mochten mich.
Jedenfalls glaube ich das.
Sie sagten, ich sei unkompliziert.
Anpassungsfähig.
Jemand, mit dem man gut auskommen könne.
Ich habe mich über ihre Worte gefreut. Und mich gleichzeitig gefragt, ob sie das auch sagen würden, wenn ich aufhörte, mich so anzustrengen.
Seit der Diagnose denke ich oft an früher. An all die Situationen, in denen ich überzeugt war, mich einfach mehr bemühen zu müssen. An die Freundschaften, die so viel Kraft gekostet haben. An Gespräche, nach denen ich tagelang erschöpft war. An Einladungen, zu denen ich gegangen bin, obwohl ich schon beim Gedanken daran kaum noch konnte.
Ich dachte immer, irgendwann würde es leichter werden. Sobald ich erwachsen bin, selbstbewusster werde und endlich verstanden habe, wie das alles funktioniert.
Heute weiß ich, dass manches für mich vielleicht nie so leicht sein wird wie für andere. Die Diagnose hat mir geholfen, mich besser zu verstehen. Gleichzeitig musste ich mir Dinge eingestehen, die ich lange nicht wahrhaben wollte: Dass ich nicht alles schaffen kann, was anderen scheinbar mühelos gelingt. Dass ich Pausen brauche, die ich mir früher nie erlaubt hätte. Und dass manche Situationen mich so sehr überwältigen, dass danach kaum noch Kraft für etwas anderes bleibt.
Früher hätte ich darin vor allem eines gesehen: etwas, an dem ich arbeiten muss. Ich müsste mich nur mehr anstrengen, mich öfter überwinden, mich irgendwann daran gewöhnen. Schließlich schienen die anderen auch damit zurechtzukommen.
Erst langsam beginne ich zu verstehen, dass ich nicht alles aushalten muss. Ich darf auch danach fragen, was ich brauche, damit mein Alltag weniger anstrengend wird. Vielleicht bedeutet das, manches anders zu machen als die Menschen um mich herum. Mir Pausen zu erlauben, ohne mich dafür zu rechtfertigen. Oder Wege zu wählen, die für andere ungewöhnlich sind, sich für mich aber richtig anfühlen.
Lange habe ich versucht, mein Leben so zu gestalten, wie ich glaubte, dass es sein sollte. Jetzt möchte ich herausfinden, wie es für mich sein kann.
Und womöglich wird es irgendwann tatsächlich leichter. Nicht, weil ich gelernt habe, genauso zu leben wie alle anderen, sondern weil ich langsam meinen eigenen Weg finde.
Einen Weg, auf dem ich ich selbst bleiben kann.
Manchmal macht mich dieses Wissen traurig. Weil ich begreife, wie lange ich meine eigenen Bedürfnisse zurückgestellt habe, um dazuzugehören.
Es fühlt sich an, als hätte ich einen großen Teil meines Lebens im Überlebensmodus verbracht. Immer darauf bedacht, nichts falsch zu machen. Nicht aufzufallen. Erwartungen zu erfüllen, selbst dann, wenn ich längst keine Kraft mehr dafür hatte. Als wäre meine innere Batterie ständig eingeschaltet. Als würde sie sich schneller entladen, als ich sie wieder aufladen kann.
Und dann ist da dieses Gefühl, als läge mein Nervensystem außerhalb meines Körpers. Ungeschützt. Als würde es alles aufnehmen, was um mich herum geschieht. Jedes Geräusch. Jede Stimmung. Jede noch so kleine Veränderung. Als gäbe es keinen Filter, der entscheidet, was zu viel ist.
Ich habe so lange versucht, all das auszuhalten, dass ich manchmal gar nicht mehr weiß, wie es sich anfühlt, wirklich zur Ruhe zu kommen.
Ich weiß, dass ich so nicht weitermachen möchte. Aber ich habe Angst davor, was passieren könnte, wenn ich aufhöre, mich ständig anzupassen.
Neulich habe ich eine Einladung abgesagt. Keine große Sache könnte man meinen. Ich habe geschrieben, dass mir die Woche zu viel geworden ist und ich einen ruhigen Abend brauche.
Früher hätte ich mir eine Ausrede überlegt. Kopfschmerzen. Einen Termin. Irgendetwas, das die andere Person verstehen kann, ohne dass ich erklären muss, wie anstrengend ein Tag für mich sein kann. Diesmal wollte ich ehrlich sein. Ich habe die Nachricht abgeschickt und mein Handy auf den Tisch gelegt.
Dann habe ich gewartet.
Auf die Enttäuschung. Auf die Frage, warum ich mich immer so anstelle.
Auf diesen kleinen Abstand, der manchmal entsteht, wenn ich nicht mehr das bin, was jemand von mir erwartet.
Die Antwort war freundlich. Und trotzdem habe ich mich entschuldigt.
Zweimal.
Es gibt Menschen, die gegangen sind.
Manche, weil sie mich nicht verstanden haben. Manche vielleicht, weil ich ihnen nicht geben konnte, was sie gebraucht hätten. Und manche aus Gründen, die ich bis heute nicht kenne.
Es gibt Menschen, die ich selbst verlassen habe.
Weil ich irgendwann nicht mehr konnte. In ihrer Nähe hatte ich das Gefühl, immer jemand anderes sein zu müssen. Lange fehlten mir die Worte, um zu beschreiben, warum mir eine Beziehung, die mir so wichtig war, gleichzeitig so viel abverlangte.
Ich habe mich gefragt, ob ich zu schwierig bin.
Zu empfindlich.
Zu anstrengend.
Zu wenig.
Oder manchmal auch zu viel.
Ich habe versucht, weniger zu brauchen.
Weniger zu fragen.
Weniger zu fühlen.
Weniger aufzufallen.
Ich wollte jemand sein, bei dem andere gerne bleiben.
Und ich dachte, dafür müsste ich nur herausfinden, welche Teile von mir ich besser verstecke.
Erst später verstand ich, dass nicht jeder Mensch zu mir passt. Dass zwei Menschen einander wichtig sein können, ohne miteinander kompatibel zu sein. Und dass ich mich nicht verbiegen muss, um eine Beziehung aufrechtzuerhalten.
Seit der Diagnose versuche ich manchmal, etwas anders zu machen.
Ich sage, wenn ich eine Pause brauche. Ich frage nach, wenn ich etwas nicht verstehe. Ich sage Verabredungen ab, wenn ich merke, dass mir alles zu viel wird. Auch wenn ich Angst habe, jemanden damit zu enttäuschen.
Ich versuche, Blickkontakt nicht länger aufrechtzuerhalten, als es sich für mich angenehm anfühlt. Ich erlaube mir, einen lauten Raum zu verlassen, statt so zu tun, als würde mich der Lärm nicht stören. Und manchmal lasse ich meine Hände einfach das tun, was ihnen guttut, ohne die Bewegungen sofort zu unterdrücken. Ich versuche, nicht mehr automatisch zu lächeln, wenn mir eigentlich nicht danach ist.
Es sind kleine Dinge.
Für andere vielleicht kaum bemerkbar.
Für mich fühlen sie sich manchmal an, als würde ich etwas riskieren.
Denn jedes Mal meldet sich diese alte Angst: Was passiert, wenn ich nicht mehr erfülle, was andere von mir erwarten? Bin ich genug?
Wenn ich mich zeige, wie ich wirklich bin, werde ich dann verlassen?
Ich weiß nicht, ob ich sie irgendwann verlieren werde.
Vielleicht werden Menschen gehen, wenn ich mich weniger anpasse. Andere werden bleiben. Und möglicherweise werde ich lernen, Beziehungen anders zu gestalten, als ich es bisher getan habe.
Ich weiß es nicht.
Was ich aber langsam verstehe, ist, dass ich mein ganzes Leben versucht habe, zu verhindern, dass mich jemand verlässt. Ich habe mich angepasst, mich zurückgenommen, mich verändert. Ich habe Menschen festgehalten, obwohl ich längst erschöpft war. Und manchmal bin ich gegangen, bevor jemand anderes gehen konnte.
Ich wurde verlassen.
Ich habe selbst verlassen.
Aber am schwersten ist es für mich, zu begreifen, dass ich dabei über all die Jahre noch jemanden verlassen habe.
Mich selbst.
Nicht, weil ich es wollte.
Sondern weil ich lange geglaubt habe, dass es anders nicht geht.
Dass ich mich selbst verlassen muss, um in dieser Welt bestehen zu können.