Leerer Raum mit Fensterlicht-Mustern an der Wand

Normal für wen?

Über Anderssein und die Frage, wer bestimmt, was normal ist

Für viele autistische Menschen beginnt das Gefühl, anders zu sein, früh. Oft zeigt es sich bereits in der Kindheit, spätestens jedoch in der Jugend.

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Die Gründe dafür sind zunächst kaum greifbar. Erst später finden manche Autist*innen Worte und Erklärungen für das, was sie schon lange in sich tragen.  

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Ich begleite Menschen, die sich selbst als „anders“ erleben – weil sie immer wieder die Erfahrung machen, dass sie nicht in das passen, was viele als selbstverständlich und „normal“ ansehen. Doch was wir als „normal“ bezeichnen, wird nur selten hinterfragt.

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Es orientiert sich häufig an dem, was gesellschaftlich als selbstverständlich gilt:

an spontaner sozialer Interaktion,

Blickkontakt,

Small Talk,

bestimmten Formen der Kommunikation

und der Anpassung an soziale Erwartungen.

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Es sind Erwartungen, die sich überwiegend an neurotypischen Normen und Erfahrungen orientieren.

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Wer anders kommuniziert, Reize intensiver oder auf andere Weise verarbeitet oder eigene Wege geht, wird deshalb nicht selten als schwierig, unnahbar oder unpassend wahrgenommen.

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Missverständnisse entstehen dabei wechselseitig.

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Eine autistische Person sagt etwas direkt. Ihr Gegenüber erlebt das möglicherweise als unhöflich. Die autistische Person wiederum versteht möglicherweise nicht,

warum die Aussage so verstanden wurde. Beide erleben dieselbe Situation auf unterschiedliche Weise. Beide versuchen, sie aus ihrer eigenen Perspektive zu verstehen.  

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Es sind unterschiedliche Arten, mit der Welt in Beziehung zu treten.

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Ich habe gelernt: Das Gefühl des Andersseins kann für viele autistische Menschen sehr schmerzhaft sein.

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Und ich habe erlebt, wie verletzend es sein kann, wenn das, was ein Mensch empfindet, relativiert, kleingeredet oder infrage gestellt wird.

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In der psychotherapeutischen Beziehung geht es für mich deshalb zunächst darum, das Erleben meines Gegenübers anzuerkennen.

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Mit allem, was dazugehört. So wie es sich für diesen Menschen zeigt.

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Erst dann kann sich manchmal etwas verändern. Oder lösen.

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Es ist ein gemeinsames Aushalten.

Ein Mittragen.

Ein Dabeibleiben.

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Ich höre Sätze wie:

„Ich weiß nicht, wer ich bin, wenn ich mich nicht verstelle.“

„Ich versuche dazuzugehören – aber ich verliere mich dabei.“

„Ich bin komisch, vielleicht bin ich auch dumm.“

„Vielleicht bin ich ja wirklich falsch.“

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Ich sehe Menschen,

die sich anpassen,
um gemocht zu werden.

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Die still werden,
weil die Welt zu laut ist

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Die hoffen,
irgendwann richtig zu sein.

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Die sich zurückziehen.

Ins Internet.

In Routinen.

In sichere Räume.

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Dorthin, wo sie nicht erklären müssen, warum sie sind, wie sie sind.

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Und ich sehe auch andere Wege.

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Menschen, die ihr Anderssein nicht mehr gegen sich richten.

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Die sich selbst nicht als „anders“ erleben.

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Die keinen Leidensdruck verspüren.

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Für manche ist eine Diagnose ein Erklärungsmodell. Ein Wort für etwas, das sie schon lange geahnt haben.

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Für andere bedeutet sie Orientierung und Entlastung.

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Nicht nur, weil sie dem Erleben einen Namen geben kann. Sondern weil sie ermöglichen kann, das eigene Leben in einem neuen Zusammenhang zu verstehen. Erfahrungen neu einzuordnen. Und sich selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen.

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Wieder andere erleben sie

als Last,

als Stempel

oder als Bestätigung,

nicht richtig zu sein.

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Manche wünschen sich aber auch keine Diagnose.

Sondern Unterstützung, die zu ihrem Leben passt.

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Auch das gehört zur Vielfalt des Autismus-Spektrums.

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Ein Spektrum.

Nicht linear.

Nicht von „leicht“ bis „schwer“.

Sondern vielfältig.

Individuell.

Unterschiedlich.

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Ich würde mir deshalb nie anmaßen, zu beurteilen, welche Herausforderungen für einen Menschen schwerer wiegen als für einen anderen. Was den einen Menschen kaum belastet, kann für einen anderen den Alltag bestimmen. Leidensdruck lässt sich nicht allein von außen messen.

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Vielleicht ist genau deshalb dieser Ort entstanden.

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Nicht, um Autismus zu erklären.

Sondern um Innenwelten sichtbar zu machen.

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Um Worte zu finden für das,
was oft verborgen bleibt.

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Damit wir einander begegnen – mit Neugier füreinander, dem Wunsch, einander zu verstehen, und mit Menschlichkeit.

Persönliche Anmerkung

Das Gefühl, anders zu sein, entsteht nicht allein im Menschen. Es entsteht auch in der Begegnung mit einer Welt, die bestimmte Vorstellungen davon hat, was „normal“ ist.

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Viele autistische Menschen erleben ihre Art wahrzunehmen, zu fühlen oder mit der Welt in Beziehung zu treten nicht als Problem. Belastend wird es häufig dann, wenn genau diese Art des Erlebens als ungewöhnlich, unpassend oder falsch bewertet wird.

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Mindestens ebenso wichtig ist die Frage, welche Erwartungen ihm begegnen – und ob diese überhaupt Raum für unterschiedliche Arten des Menschseins lassen.

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Vielleicht beginnt Verstehen genau dort: nicht mit der Frage, wie ein Mensch besser in die Welt passen kann. Sondern damit, wie Beziehungen, Angebote und gesellschaftliche Rahmenbedingungen so gestaltet werden können, dass unterschiedliche Arten zu sein ihren Platz haben.

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In der psychotherapeutischen Beziehung möchte ich einen Raum schaffen, indem Menschen sich zeigen dürfen, ohne sich erklären oder verstellen zu müssen.

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Ich begleite Klient*innen im Diagnostikprozess und erlebe, wie unterschiedlich eine Autismus-Diagnose aufgenommen werden kann. Manche empfinden zunächst Erleichterung. Sie begegnen sich selbst mit mehr Nachsicht und finden Worte für Erfahrungen, die sie lange nicht einordnen konnten.

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Gleichzeitig trauern viele um das, was so lange schwer war. Um Jahre, in denen sie sich angepasst, an sich gezweifelt oder mit Depressionen, Angststörungen oder Erschöpfung gelebt haben, ohne zu verstehen, warum selbst alltägliche Dinge oft so anstrengend waren.

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In der Psychotherapie kann es dann darum gehen, die Diagnose in die eigene Lebensgeschichte einzuordnen.

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Welche Erfahrungen lassen sich dadurch besser verstehen?

Welche vielleicht auch nicht?

Und welche Bedeutung hat die Diagnose heute für das eigene Leben?

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Sie wird dadurch nicht zu einer endgültigen Antwort, sondern zu einem Bezugspunkt, der helfen kann, sich selbst besser zu verstehen – ohne dabei das gesamte Selbstbild zu bestimmen.

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„Das gute Leben ist ein Prozess, kein Daseinszustand. Es ist eine Richtung, kein Ziel.“
Carl R. Rogers