Mehrere transparente Papierschichten übereinander im Streiflicht – Sinnbild für autistische Reizüberflutung

Wenn alles gleichzeitig da ist

Eine literarische Annäherung an autistische Wahrnehmung und sensorische Überlastung

Es gibt Menschen,

die die Welt anders wahrnehmen.

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Für sie ist sie nicht gedämpft –
sondern grell.

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Nicht geordnet –
sondern übervoll.

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Alles scheint gleichzeitig da zu sein.

Als ließe sich kaum unterscheiden,
was wichtig ist und was in den Hintergrund treten darf.

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Und manches bleibt.
Länger, als andere ahnen.

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Ein Etikett im Nacken.

Ein Stoff, der kratzt.

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Ein Boden, der zu unvorhersehbar ist, um barfuß darüber zu gehen.

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Oder das Gegenteil:

Socken, die unerträglich sind –

weil jeder Millimeter spürbar ist.

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Kälte, die auf der Haut brennt.

Wärme, die kaum auszuhalten ist.

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Das Flimmern eines Lichts.

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Stimmen,

die gleichzeitig sprechen.

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Gerüche, die sich festsetzen –

im Raum und im Kopf.

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Bewegungen,

die zu schnell sind.

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Ein Blick,

der zu nah kommt.

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Eine Frage,

die zu offen bleibt.

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Ein Raum,

der zu voll ist.

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Ein Tag, der irgendwann zu viel wird.

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Manche bemerken Details,

die anderen entgehen.

Sie erkennen Muster, Wiederholungen

oder kleinste Veränderungen.

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Sie nehmen soziale Zwischentöne

auf ihre eigene Weise wahr.

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Manches erschließt sich unmittelbar. Anderes bleibt uneindeutig und muss erst bewusst entschlüsselt werden.

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Diese Art, die Welt wahrzunehmen,
kann Möglichkeiten eröffnen
und zugleich viel Kraft kosten.

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Feine Unterschiede erkennen.

Zusammenhänge entdecken.

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Dinge wahrnehmen,

die anderen verborgen bleiben.

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Alles ist gleichzeitig da.

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Und mitten darin muss ein Weg gefunden werden – durch eine Welt, die zu schnell, zu uneindeutig, zu dicht und schwer zu greifen ist.

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Nicht alle Menschen

senden auf derselben Frequenz.

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Nicht alle empfangen

dieselben Signale.

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Aber viele teilen dieselbe Sehnsucht:

gesehen zu werden –

ohne sich verstellen, erklären

oder rechtfertigen zu müssen.

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Vielleicht beginnt Verbindung dort, wo wir nicht erwarten, dass andere auf unserer Frequenz senden, sondern dort, wo wir beginnen, einander auf unterschiedlichen Frequenzen zu hören.‍

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‍Das Bild der Frequenz stammt nicht von mir. Ein autistischer Mensch beschrieb mir sein Erleben einmal mit den Worten: „Manchmal habe ich das Gefühl, auf einer anderen Frequenz zu sein.“ Seitdem begleitet mich diese Vorstellung. Vielleicht findest du dich darin wieder. Vielleicht überhaupt nicht. Vielleicht gibt es andere Worte oder Bilder, die dein Erleben besser beschreiben.

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Persönliche Anmerkung

Dieser Text ist eine literarische Annäherung an mögliche Formen autistischen Erlebens. Er erhebt keinen Anspruch darauf, die Wahrnehmung aller autistischen Menschen zu beschreiben.

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Vieles von dem, was ich heute über autistisches Erleben weiß, durfte ich von autistischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen lernen, die mich in den vergangenen Jahren an ihren Erfahrungen teilhaben ließen. Ihr Vertrauen, ihre Offenheit und ihre unterschiedlichen Perspektiven haben mein Verständnis wesentlich geprägt.

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Autistische Wahrnehmung ist so vielfältig wie die Menschen selbst. Manche Reize werden als intensiv, schmerzhaft oder überwältigend erlebt, andere nur wenig oder erst verspätet wahrgenommen.

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Manche Autist*innen suchen bestimmte Sinneseindrücke gezielt auf, andere meiden sie. Auch bei ein und demselben Menschen kann sich das sensorische Erleben je nach Sinnesbereich, Situation und aktueller Belastung unterscheiden.

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Für manche autistische Menschen kann ein Konzert kaum auszuhalten sein. Andere besuchen Konzerte gerne – abhängig etwa von der Musik, den sozialen Erwartungen oder davon, wie vorhersehbar die Situation ist und welche Rückzugsmöglichkeiten bestehen. Was einen Menschen belastet, kann für einen anderen unproblematisch oder sogar angenehm sein.
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Fachlich spricht man unter anderem von einer verstärkten oder verminderten Reaktivität gegenüber Sinnesreizen (Hyper- bzw. Hyporeaktivität).

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Deshalb gehe ich in meiner Praxis nicht davon aus, bereits zu wissen, was ein Mensch braucht. Ich frage nach, höre zu und gestalte den therapeutischen Rahmen so weit wie möglich entsprechend den individuellen Bedürfnissen meines Gegenübers. Das kann die Umgebung betreffen – etwa das Ticken einer Uhr, die Beleuchtung, Gerüche, die Stellung der Jalousien oder den Platz, an dem jemand sitzen möchte. Ebenso können unterschiedliche Formen der Kommunikation, die Möglichkeit zu schreiben, Bewegung während der Stunde, Fidget-Toys oder eine gemeinsame Tätigkeit hilfreich sein.

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Was unterstützt und was eher belastet, finden wir gemeinsam heraus.
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Jede Wahrnehmung verdient es, ernst genommen zu werden – gerade weil sie individuell ist.
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Vielleicht gehört das zu den wichtigsten Erkenntnissen, die ich von autistischen Menschen lernen durfte: nicht davon auszugehen, wie sich etwas anfühlen muss, sondern Menschen selbst zu fragen, wie sie es erleben.

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„Das gute Leben ist ein Prozess, kein Daseinszustand. Es ist eine Richtung, kein Ziel.“
Carl R. Rogers