Persönliche Anmerkung
Dieser Text ist eine literarische Annäherung an mögliche Formen autistischen Erlebens. Er erhebt keinen Anspruch darauf, die Wahrnehmung aller autistischen Menschen zu beschreiben.
Vieles von dem, was ich heute über autistisches Erleben weiß, durfte ich von autistischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen lernen, die mich in den vergangenen Jahren an ihren Erfahrungen teilhaben ließen. Ihr Vertrauen, ihre Offenheit und ihre unterschiedlichen Perspektiven haben mein Verständnis wesentlich geprägt.
Autistische Wahrnehmung ist so vielfältig wie die Menschen selbst. Manche Reize werden als intensiv, schmerzhaft oder überwältigend erlebt, andere nur wenig oder erst verspätet wahrgenommen.
Manche Autist*innen suchen bestimmte Sinneseindrücke gezielt auf, andere meiden sie. Auch bei ein und demselben Menschen kann sich das sensorische Erleben je nach Sinnesbereich, Situation und aktueller Belastung unterscheiden.
Für manche autistische Menschen kann ein Konzert kaum auszuhalten sein. Andere besuchen Konzerte gerne – abhängig etwa von der Musik, den sozialen Erwartungen oder davon, wie vorhersehbar die Situation ist und welche Rückzugsmöglichkeiten bestehen. Was einen Menschen belastet, kann für einen anderen unproblematisch oder sogar angenehm sein.
Fachlich spricht man unter anderem von einer verstärkten oder verminderten Reaktivität gegenüber Sinnesreizen (Hyper- bzw. Hyporeaktivität).
Deshalb gehe ich in meiner Praxis nicht davon aus, bereits zu wissen, was ein Mensch braucht. Ich frage nach, höre zu und gestalte den therapeutischen Rahmen so weit wie möglich entsprechend den individuellen Bedürfnissen meines Gegenübers. Das kann die Umgebung betreffen – etwa das Ticken einer Uhr, die Beleuchtung, Gerüche, die Stellung der Jalousien oder den Platz, an dem jemand sitzen möchte. Ebenso können unterschiedliche Formen der Kommunikation, die Möglichkeit zu schreiben, Bewegung während der Stunde, Fidget-Toys oder eine gemeinsame Tätigkeit hilfreich sein.
Was unterstützt und was eher belastet, finden wir gemeinsam heraus.
Jede Wahrnehmung verdient es, ernst genommen zu werden – gerade weil sie individuell ist.
Vielleicht gehört das zu den wichtigsten Erkenntnissen, die ich von autistischen Menschen lernen durfte: nicht davon auszugehen, wie sich etwas anfühlen muss, sondern Menschen selbst zu fragen, wie sie es erleben.









