Beziehung auf Augenhöhe
Auch wenn mir Augenhöhe in der therapeutischen Beziehung wichtig ist, bleibt diese Beziehung für mich nicht vollkommen symmetrisch. Ich bringe fachliches Wissen mit, gestalte wesentliche Teile des äußeren Rahmens und erhalte Einblick in sehr persönliche und verletzliche Bereiche des Lebens meiner Klient*innen. Auch diagnostische Einordnungen können Einfluss darauf haben, wie ihr Erleben verstanden und welche weitere Behandlung empfohlen wird.
Mit meiner Rolle sind daher Einfluss, Verantwortung und ein Machtgefälle verbunden. Therapeutische Demut bedeutet für mich, mir dessen bewusst zu bleiben und sorgsam damit umzugehen.
Augenhöhe heißt für mich nicht, die unterschiedlichen Rollen in der therapeutischen Beziehung zu verleugnen. Sie zeigt sich vielmehr darin, wie ich mit diesen Unterschieden umgehe. Ich möchte meine eigene Deutungsmacht hinterfragen und nicht vorschnell davon ausgehen, zu wissen, was eine Erfahrung „eigentlich“ bedeutet. Eine Diagnose soll für mich nicht festlegen, wer ein Mensch ist. Ebenso wenig möchte ich meine eigenen Werte, Vorstellungen oder Lebensentwürfe zum Maßstab dafür machen, was ein gelungenes Leben oder eine hilfreiche Entwicklung ausmacht.
Was aus meiner Perspektive wie Stillstand, Rückschritt oder eine wenig konstruktive Entscheidung erscheinen mag, kann aus der Lebensgeschichte und dem inneren Bezugsrahmen eines anderen Menschen durchaus stimmig oder notwendig sein.
Therapeutische Demut bedeutet für mich deshalb auch, die Selbstbestimmung meines Gegenübers zu achten und darauf zu vertrauen, dass Entwicklung ihre Richtung nicht von mir erhalten muss. Meine Aufgabe ist es, Entwicklung zu begleiten und Bedingungen zu schaffen, die sie begünstigen. Ich kann sie aber weder herstellen noch vorwegnehmen oder bestimmen, wohin sie führt.
Demut gegenüber den eigenen Grenzen
Therapeutische Demut richtet sich für mich nicht nur auf mein Gegenüber. Sie betrifft auch den Umgang mit mir selbst. Ich kenne den Wunsch, helfen zu wollen. Und vielleicht manchmal auch den Anspruch, helfen zu müssen.
Gerade in schwierigen oder stagnierenden Therapieprozessen kann daraus eine große innere Belastung entstehen. Dann frage ich mich, ob ich genug getan, etwas übersehen oder etwas anderes hätte tun können.
Diese Fragen sind wichtig. Sie ermöglichen mir, mein eigenes Handeln zu reflektieren, Unterstützung in Anspruch zu nehmen und meine therapeutische Haltung weiterzuentwickeln. Gleichzeitig können sich hinter diesen Fragen auch überhöhte Erwartungen an meine eigene Wirksamkeit verbergen. Denn wenn ich mich für jede Entwicklung verantwortlich mache, schreibe ich mir damit auch eine Macht zu, die ich nicht habe.
Die Grenzen meiner therapeutischen Möglichkeiten anzuerkennen, gehört für mich deshalb ebenfalls zu therapeutischer Demut. Psychotherapie kann entlasten, neue Erfahrungen ermöglichen und Veränderung begleiten. Sie kann aber nicht jede Belastung aufheben. Gesellschaftliche Barrieren, Diskriminierung, Verluste, körperliche Erkrankungen oder belastende Lebensbedingungen lassen sich durch eine therapeutische Beziehung nicht ungeschehen machen.
Eine Haltung therapeutischer Demut kann für mich deshalb auch zur Selbstfürsorge beitragen. Sie hilft mir, Verantwortung ernst zu nehmen, ohne mich für alles verantwortlich zu machen. Eigene Fehler anzuerkennen, ohne von mir zu erwarten, keine machen zu dürfen. Nachzufragen, Supervision in Anspruch zu nehmen und anzuerkennen, wenn eine andere Fachperson möglicherweise hilfreicher sein könnte.
Dazu gehört für mich auch auszuhalten, dass ich manchen Menschen nur begrenzt helfen kann.
Nicht jede ausbleibende Veränderung bedeutet, dass eine Therapie gescheitert ist. Nicht jede Krise lässt sich verhindern. Nicht jeder Schmerz kann aufgelöst werden. Meine Aufgabe besteht darin, einen Menschen auch dort zu begleiten, wo sich etwas nicht oder noch nicht verändern lässt.
Dabei müssen Pausen oder scheinbarer Stillstand für mich nicht bedeuten, dass therapeutisch nichts geschieht. Nicht jeder Moment, in dem ich nicht weiß, was hilfreich wäre, verlangt nach einer Intervention. Manchmal bedeutet es für mich, die eigene Unsicherheit oder Hilflosigkeit auszuhalten und darauf zu vertrauen, dass etwas in Bewegung sein kann, ohne dass ich es bereits erkennen muss.
Therapeutische Demut bewahrt mich dabei vielleicht vor zwei Extremen: vor der Vorstellung, alles bewirken zu können, und vor der Resignation, ohnehin nichts zu bewirken.
Dazwischen liegt für mich ein realistischerer Raum: ein Raum, in dem ich mein Wissen und meine Fähigkeiten zur Verfügung stellen und Verantwortung für meinen Teil der therapeutischen Beziehung übernehmen kann, ohne mich selbst zum Mittelpunkt des Veränderungsprozesses zu machen.
Demut im Verstehen
Zur therapeutischen Demut gehört für mich, nicht alles verstehen und erklären zu müssen. Nicht für jedes psychische Leiden gibt es die eine Ursache, die es zu finden gilt. Veränderung lässt sich ebenso wenig immer eindeutig erklären. Im therapeutischen Prozess können sich Symptome verändern oder zurückgehen, der Leidensdruck kann geringer werden oder es kann sich etwas lösen, ohne dass sich im Nachhinein genau bestimmen lässt, warum oder wodurch dies geschehen ist.
Vielleicht ist es nicht immer notwendig, eine Erklärung dafür zu finden. Mir ist wichtig, offen für das zu bleiben, was sich entwickelt, selbst wenn ich es nicht vollständig verstehe. Nichtwissen bedeutet für mich nicht zwangsläufig, dass etwas fehlt. Es kann vielmehr Ausdruck einer Haltung sein, die anerkennt, dass sich nicht alles im Voraus wissen oder verstehen lässt.
Nicht:
„Ich weiß, was Sie meinen.“
Sondern:
„Wie haben Sie die Situation erlebt?“
Nicht:
„Ich kenne dieses Gefühl.“
Sondern:
„Wie fühlt es sich für Sie an?“
Nicht:
„Ich weiß, was für Sie richtig ist.“
Sondern:
„Was könnte sich für Sie stimmig anfühlen?“
Vertrauen, das ich borgen kann
Das Vertrauen, das mir Menschen in der Psychotherapie entgegenbringen, berührt mich immer wieder. Sie lassen mich an Ängsten, Verletzungen, Hoffnungen und Widersprüchen teilhaben und erlauben mir, sie für eine bestimmte Zeit zu begleiten.
Lange habe ich mich in meiner therapeutischen Arbeit gerne als eine Art stellvertretende Hoffnung verstanden. Wenn ein Mensch selbst gerade keine Hoffnung mehr spüren konnte, wollte ich sie für eine Zeit für ihn mittragen.
Irgendwann habe ich gemerkt, wie viel Verantwortung ich damit übernehme – und auch, wie viel ich mir selbst damit zumute.
In einem Seminar gab mir eine Ausbilderin einen Satz mit, der mich seither begleitet: „Ich borge dir das Vertrauen, das ich in dich habe. Und wenn du es nicht mehr brauchst, gibst du es mir wieder zurück.“
Dieser Gedanke fühlt sich für mich heute stimmiger an. Ich muss die Hoffnung eines anderen Menschen nicht für ihn tragen. Aber ich kann ihm mein Vertrauen leihen, wenn sein eigenes gerade nicht spürbar ist.
Vielleicht liegt auch darin therapeutische Demut: etwas von mir zur Verfügung zu stellen, ohne es für den anderen übernehmen zu müssen.
Ich darf ein Stück des Weges mitgehen.
Nicht voraus.
Nicht anstelle des anderen.
Sondern an seiner Seite.









