Diese Frage begegnet mir in meiner Arbeit immer wieder. Dahinter steckt mitunter die Sorge, Psychotherapie sei nur dann „richtige“ Therapie, wenn wir tief in der Vergangenheit graben. Wenn wir über die Kindheit sprechen. Über schmerzhafte Erinnerungen. Über das, was vielleicht lange keinen Platz hatte.
Doch für mich bedeutet Therapie nicht, möglichst schnell möglichst tief zu gehen.
Es bedeutet, dort zu sein, wo du gerade bist. Vielleicht sprechen wir über etwas, das sehr weh tut. Über eine Situation, die gestern passiert ist. Über etwas, das dich beschäftigt, obwohl du selbst denkst, es sei „eigentlich gar nicht so wichtig“.
Über das Hier und Jetzt.
Und in manchen Stunden lachen wir miteinander. Auch das Schöne hat hier Platz.
Worauf du stolz bist.
Was dich gefreut hat.
Oder diese eine kleine Begegnung, an die du noch immer denken musst.
All das gehört für mich zur Therapie.
Und dann gibt es Stunden, in denen du kommst und sagst: „Ich weiß heute gar nicht, worüber ich reden soll.“
Vielleicht taucht gleich danach die nächste Frage auf: „Brauche ich die Therapie dann überhaupt noch?“
Vielleicht geht es dir tatsächlich gerade besser. Das akute Problem, mit dem du gekommen bist, nimmt nicht mehr so viel Raum ein.
Dann können wir gemeinsam herausfinden:
· Ist es Zeit, die Therapie zu beenden?
· Möchtest du die Abstände zwischen den Stunden vergrößern?
· Oder möchtest du noch ein Stück bleiben und neugierig werden auf das, was unter der Oberfläche liegt?
Denn zu Beginn haben wir vielleicht vor allem an der Spitze des Eisbergs gearbeitet. Wenn du möchtest, können wir von dort aus weitergehen. Unter der Oberfläche muss nichts Schlimmes verborgen sein. Vielleicht möchtest du dich einfach selbst besser kennenlernen: deine Bedürfnisse, deine Grenzen und deine Wünsche.
Wer du bist. Und wer du vielleicht noch werden möchtest.
Auch dabei bestimmst du das Tempo.
Wenn es Dinge gibt, an die du dich nicht erinnern kannst, müssen wir sie nicht hervorholen. Wenn du über etwas noch nicht sprechen möchtest, lassen wir es dort, wo es gerade ist. Nicht-Erinnern, Schweigen oder Vermeiden können auch eine schützende Funktion haben.
Ich werde keine Tür aufstoßen, für die du noch nicht bereit bist.
Therapeutische Begleitung kann ebenso bedeuten, gemeinsam auf die Bremse zu steigen. Zu merken: Für heute ist es genug. Ein schwieriges Thema für den Moment zur Seite zu legen und die letzten Minuten mit etwas Leichterem ausklingen zu lassen. Denn sobald wir etwas in Worte fassen, kann es plötzlich sehr nah und greifbar werden.
In der Personzentrierten Psychotherapie brauche ich dafür keinen Koffer voller Methoden. Mein wichtigstes „Werkzeug“ bin ich selbst – und die Beziehung, die zwischen uns entsteht. Ich versuche, dich zu verstehen und dir mit Wertschätzung zu begegnen.
Vielleicht entwickelt sich mit der Zeit etwas, das weit über unsere Gespräche hinausreicht:
· Dass du beginnst, dir selbst mit mehr Verständnis zu begegnen.
· Dich weniger zu verurteilen.
· Deine eigenen Bedürfnisse ernster zu nehmen.
· Dir besser zuzuhören.