Einzelne Holzfigur mit langem Schatten auf einem Tisch

Darf es mir überhaupt schlecht gehen?

Über Selbstzweifel, das Vergleichen von Leid und die Frage, ob der eigene Schmerz „genug“ ist

„Eigentlich geht es anderen viel schlechter.“

‍

Sie sagt diesen Satz in jeder Stunde.

‍

Manchmal gleich zu Beginn.

Manchmal ganz zum Schluss.

‍

Als müsste sie sich dafür entschuldigen,

dass sie gekommen ist.

‍

„Ich hatte keine schlimme Kindheit.“

„Andere wurden geschlagen.“

„Andere haben viel Schlimmeres erlebt.“

„Vielleicht stelle ich mich einfach an.“

‍

Ich höre ihr zu.

‍

Und ich frage mich nicht,

ob ihr Schmerz groß genug ist.

Ich frage mich, wie oft sie erlebt haben muss,

ihren eigenen Schmerz kleinzureden.

‍

Sie erzählt von Nächten, in denen sie nicht schlafen kann.

‍

Von dem Druck in ihrer Brust.

Von der Erschöpfung.

Davon, dass sie kaum noch Freude empfindet.

‍

Und kaum hat sie einen Satz ausgesprochen, nimmt sie ihn schon wieder zurück.

‍

„Aber das ist doch nichts.“

„Andere schaffen das ja auch.“

„Vielleicht will ich einfach nur Aufmerksamkeit.“

‍

Sie zweifelt nicht nur an ihren Gefühlen. Sie zweifelt daran, ob sie überhaupt das Recht hat, so zu empfinden. Als müsste Leid erst bewiesen werden. Als gäbe es eine unsichtbare Grenze, ab der Schmerz gültig wird.

‍

Dabei messen wir Schmerz in vielen anderen Bereichen des Lebens selten am Schmerz anderer. Wenn sich jemand den Arm bricht, würden wir wohl kaum sagen: „Sei nicht so empfindlich. Andere haben sich beide Arme gebrochen.“

‍

Ein Bruch bleibt ein Bruch.

Und Schmerz bleibt Schmerz.

‍

Für seelisches Leid gilt für mich dasselbe.

‍

Nicht alles, was einen Menschen verletzt, muss außergewöhnlich sein.

‍

Manchmal sind es viele kleine Verletzungen.

Kleine Enttäuschungen.

Kleine Zurückweisungen.

‍

Momente, in denen ein Mensch sich nicht gesehen, nicht verstanden oder nicht angenommen fühlt.

‍

Jede für sich vielleicht kaum bedeutsam.

‍

Doch über Jahre
können sie sich sammeln.

Bis sie irgendwann
nicht mehr klein sind.

‍

Leid muss nicht erst groß genug erscheinen, um Raum haben zu dürfen.

‍

Vielleicht beginnt etwas damit,
dass ein Mensch zum ersten Mal erlebt,
dass er niemanden davon überzeugen muss,
dass es ihm schlecht genug geht.

Dass sein Erleben
nicht mit dem anderer verglichen wird.

‍

Dass es keinen Maßstab gibt,
ab wann Schmerz
berechtigt ist.

‍

Und dass das, was er fühlt, da sein darf.

‍

Vielleicht entsteht genau in dieser Erfahrung etwas Neues.

‍

Die leise Gewissheit,

dass die eigene Wirklichkeit
nicht erst bewiesen werden muss,

um ernst genommen zu werden.

‍

Und vielleicht

ist genau das

Grund genug,

hier zu sein.

Persönliche Anmerkung

In meiner psychotherapeutischen Arbeit begegnen mir immer wieder Menschen, die sich fragen, ob ihr Leid überhaupt „ausreicht“, um eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Manche entschuldigen sich fast dafür, dass sie gekommen sind. Andere erzählen ihre Geschichte nur zögerlich, weil sie befürchten, ihre Sorgen seien nicht wichtig genug oder andere hätten viel Schlimmeres erlebt.

‍

Mich berührt immer wieder, wieviele Menschen gelernt haben, das eigene Erleben kleinzureden oder infrage zustellen. Gleichzeitig glaube ich, dass es gute Gründe dafür geben kann, warum jemand das eigene Leid relativiert, sich damit zurückhält oder unsicher ist, ob das eigene Erleben überhaupt Raum haben darf. Auch diese Unsicherheit kann in der Therapie ihren Platz haben. Ich möchte einen Menschen nicht davon überzeugen, anders über sein Erleben zu denken, sondern ihm so begegnen, wie er gerade da ist.

‍

Ich möchte gemeinsam verstehen, wie sich das Leben für den jeweiligen Menschen anfühlt. Schmerz braucht keinen Vergleich, um ernst genommen zu werden. Niemand muss sein Erleben erst rechtfertigen oder beweisen, um Unterstützung zu erhalten.

‍

Auch deshalb habe ich diesen Artikel geschrieben. Vielleicht kann allein das Wissen darum die Hemmschwelle, eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen, ein wenig kleiner machen. Und vielleicht gibt es etwas mehr Sicherheit, schon vor dem Erstgespräch zu wissen: ‍

‍

Auch die Unsicherheit, ob das eigene Leid „genug“ ist, darf mitgebracht werden.

‍

‍

„Das gute Leben ist ein Prozess, kein Daseinszustand. Es ist eine Richtung, kein Ziel.“
Carl R. Rogers