Leicht geöffnete Vorhänge mit schmalem Lichtspalt dazwischen – Sinnbild für Masking

Hinter der Fassade

Über Camouflaging, Masking und die Sehnsucht, sich zeigen zu dürfen
Literarischer Auszug aus dem gemeinsam mit einer Co-Autorin entstandenen Buch „Wer bin ich, wenn ich nichts mehr muss?“, in dem die Grenzen zwischen Realität und einer anderen Wirklichkeit bewusst offenbleiben. Eine der fiktiven Figuren trägt den Namen „Lichtflummi“

Nun sitze ich hier, allein auf den Stufen der Fontana del Nettuno. Eingehüllt von einer Stille, die intensiver wirkt als jemals zuvor, lasse ich meinen Blick betrübt umherwandern.

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Die Stadt wirkt verlassen, keine Menschenseele ist in Sicht. Während ich beobachte, wie sich das Mondlicht im Wasser des Brunnens spiegelt, kriecht mir abermals die Kühle der Steintreppen in die Glieder.

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Schwerfällig drehe ich meinen Kopf zur Seite und sehe plötzlich, wie sich ein leuchtender Punkt aus der Dunkelheit löst und sich auf mich zubewegt. Er kommt immer näher und verwandelt sich bald in eine wirbelnde Gestalt, die von Kopf bis Fuß in Neonfarben erstrahlt. ‍

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Was für eine Überraschung!

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‍Meine Gedanken fliegen sofort zurück nach Thailand, an meine lebhafte Bekanntschaft aus Koh Phangan.

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Das gibt’s doch nicht!

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Schnurstracks hüpft der Lichtflummi an mir vorbei und tanzt ausgelassen um die Fontana del Nettuno. Ich will ihn begrüßen und gehe auf ihn zu, doch er scheint mich nicht zu bemerken. Wie in Trance dreht er sich um den Brunnen, und ich erkenne, dass er ein Schild in seinen Händen hält. Mit rhythmischen Bewegungen schwingt er es durch die Luft und mir fällt auf, dass etwas darauf geschrieben steht.

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Gebannt lese ich die in grellen Buchstaben verfassten Sätze, die ungestüm umherschwirren: „Schon in jungen Jahren habe ich erkannt, dass ich eher Zuneigung bekomme, wenn ich mich den Erwartungen anderer anpasse, anstatt ich selbst zu sein. Daher habe ich mir eine äußere Fassade zugelegt, über die ich in Beziehung zur Welt getreten bin – mein wirkliches inneres Selbst konnte sowieso niemand lieben. Anfangs war diese Fassade noch relativ durchlässig, eine bewusste Rolle, die ich spielte, im Wissen, dass mein wahres Ich ganz anders war als das, was ich nach außen hin zeigte. Doch je mehr Zeit verging, desto mehr zog ich mich zurück, versteckte mich zunehmend, und meine Angst, dass andere mich so sehen, wie ich wirklich bin, wurde immer stärker. In Wahrheit schämte ich mich für mein wahres Ich und fragte mich ständig, warum ich mich so fühlte. Also baute ich eine Mauer um mich herum, um mich vor den anderen zu schützen, schloss mich aber gleichzeitig selbst ein. Das machte ich so viele Jahre, dass ich irgendwann nicht mehr wusste, wer ich eigentlich war – mein wahres Ich geriet völlig in Vergessenheit.“

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Nachdem ich das letzte Wort überflogen habe, schleudert der Lichtflummi das Schild zwischen seinen Beinen hindurch, wirft es nach oben und zeigt mir nun die Rückseite. Aufmerksam wandern meine Augen über die Zeilen: „An diesem Ort möchte ich versuchen, ich selbst zu sein – das beschloss ich am Lagerfeuer, zwischen brennenden Seilen, Ukulele-Klängen und neonfarbenen Silhouetten. Ich wollte nicht länger hinter dieser Fassade leben – dem Gesicht, das ich der Welt bisher gezeigt habe – und legte sie ab, um mir selbst endlich ehrlicher begegnen zu können. Als ich aufhörte, mich anzupassen, fühlte es sich zunächst ungewohnt, aber befreiend an. Gleichzeitig war ich ängstlich, zweifelte, fühlte mich entblößt und verwundbar. Was, wenn ich nicht gemocht werde? Was, wenn ich nicht gut genug bin, so, wie ich bin? Doch je mehr ich mich selbst zeigte, desto eher fand ich Menschen, die mein wahres Ich akzeptierten, und diese Verbindungen empfand ich als so viel authentischer und tiefer. In dieser Echtheit lag eine Kraft, die ich vorher nicht kannte. Jeden Tag verstehe ich besser, dass ich wertvoll bin, so, wie ich bin, und dass ich nicht perfekt sein muss. Ich stelle mich weniger infrage und habe immer mehr das Gefühl, dass ich einfach sein darf.“‍

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Unfassbar! Ich erkenne mich in jeder dieser Zeilen wieder.

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‍Meine Augen beginnen zu brennen und meine Brust schnürt sich zusammen. Ich spüre einen Kloß im Hals, als dem Lichtflummi nach dem nächsten Sprung das Schild aus der Hand gleitet und es direkt vor mir liegen bleibt. Instinktiv bücken wir uns und greifen gleichzeitig danach, unsere Fingerspitzen berühren sich kurz, während ich in sein kunstvoll bemaltes Gesicht blicke. Eine neonfarbene Träne rinnt über seine Wange und die Muster auf seiner Haut verlaufen erneut ineinander. In diesem Moment scheint die Zeit stillzustehen, unwirklich eingefroren, und ich fühle eine starke Verbindung zwischen uns.

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‍„Ich sehe dich“, flüstere ich ergriffen, ehe mir der Lichtflummi ein warmes Lächeln schenkt, das Schild an sich drückt und aufsteht. ‍

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Halt! Wo willst du hin?

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‍Schockiert beobachte ich, wie er sich mit einer abrupten Drehung abwendet, zu den Steinstufen sprintet und mit einem Kopfsprung in die Fontana del Nettuno eintaucht. Schnell stürze ich hinterher, um ihn aus dem Brunnen zu ziehen, doch meine Bekanntschaft aus Koh Phangan ist verschwunden. Das Einzige, was von ihr bleibt, sind leuchtende Muster, die wild auf der Wasseroberfläche tanzen.

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‍Mach’s gut, Lichtflummi! Ob wir uns jemals wiedersehen werden?

Persönliche Anmerkung

Fassaden entstehen nicht aus Unehrlichkeit. Sondern aus dem Wunsch, dazuzugehören. Aus der Hoffnung, gemocht zu werden. Geliebt zu werden. Für andere bedeutsam zu sein. Oder zumindest nicht aufzufallen.

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Manchmal entstehen sie auch dort, wo es sich nie sicher angefühlt hat, man selbst zu sein. Wo Anpassung nicht nur Zugehörigkeit bedeutete, sondern Schutz.

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Sich an andere anzupassen gehört zum Menschsein. Wir alle richten unser Verhalten – bewusst oder unbewusst – nach Situationen, Beziehungen und sozialen Erwartungen aus. Bei manchen Menschen wird diese Anpassung jedoch so umfassend und dauerhaft, dass sie viel Kraft kostet und das Gefühl für das eigene Selbst beeinflussen kann.

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Viele – aber keineswegs alle – autistische Menschen beschreiben genau solche Erfahrungen. In der Forschung wird dafür häufig der Begriff (Social) Camouflaging verwendet. Er bezeichnet verschiedene bewusste oder unbewusste Strategien, mit denen autistische Menschen versuchen, autistische Merkmale zu verbergen, soziale Unterschiede auszugleichen oder sich an die Erwartungen ihrer sozialen Umwelt anzupassen. Ausmaß, Form und Gründe des Camouflaging können dabei sehr unterschiedlich sein.

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‍Masking wird häufig als eine Form des Camouflaging beschrieben. Gemeint ist damit vor allem das bewusste oder unbewusste Verbergen beziehungsweise Unterdrücken autistischer Verhaltensweisen. Dazu kann beispielsweise gehören, Stimming – etwa wiederholte Bewegungen, Laute oder andere repetitive Verhaltensweisen, die unter anderem der Selbstregulation dienen können – zu unterdrücken, Blickkontakt bewusst aufrechtzuerhalten oder Mimik und Gestik gezielt an soziale Erwartungen anzupassen.

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Was von außen wie eine gelungene Anpassung wirkt, kann innerlich sehr viel Kraft kosten. Studien bringen ausgeprägtes Camouflaging unter anderem mit einer erhöhten psychischen Belastung, Angst, Erschöpfung, geringerem Wohlbefinden und Unsicherheit im Erleben der eigenen Identität in Zusammenhang.

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Wenn Anpassung über lange Zeit Sicherheit gegeben hat, kann es verunsichern, wenn diese Orientierung plötzlich fehlt. Ohne ein Gegenüber, an dem das eigene Verhalten ausgerichtet werden kann, können Fragen entstehen:

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Wie verhalte ich mich jetzt?

Was möchte ich eigentlich?

Was fühlt sich für mich stimmig an – unabhängig davon, was andere von mir erwarten?‍

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Nicht jede Fassade lässt sich einfach ablegen. Nicht jede Anpassung ist belastend oder muss aufgegeben werden.

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Doch manchmal beginnt Veränderung dort, wo ein Mensch sich Schritt für Schritt sicher genug fühlt, auch die Seiten von sich zu zeigen, die lange keinen Raum hatten.

„Das gute Leben ist ein Prozess, kein Daseinszustand. Es ist eine Richtung, kein Ziel.“
Carl R. Rogers