„Vor einer Minute war doch noch alles in Ordnung.“
Ich höre diesen Satz.
Und ich wünschte,
ihr könntet für einen Moment sehen,
dass schon lange nichts mehr in Ordnung war.
Nicht erst jetzt.
Nicht erst, als ich geschrien habe.
Schon heute Morgen.
Als ihr mich geweckt habt.
Als ich sofort aufstehen sollte.
Als alles schnell gehen musste.
Ich hatte noch keine Zeit,
erst einmal bei mir anzukommen.
Ich habe gespürt, dass ihr es eilig habt. Dass ihr gestresst seid.
Und ich weiß nicht, wohin mit all dem.
Das T-Shirt, das sich gestern noch gut angefühlt hat, fühlt sich heute plötzlich falsch an.
Der Stoff kratzt.
Die Naht drückt.
Ich weiß nicht warum.
Ich weiß nur, dass es sich nicht richtig anfühlt.
Dann die Schule.
Ich habe zugehört.
Ich habe aufgepasst.
Ich habe still gesessen.
Ich habe Aufgaben gemacht.
Ich habe versucht, in der Pause mit anderen Kindern zu spielen.
Ich habe versucht, so zu sein,
wie alle anderen.
Niemand hat gesehen,
wie viel Kraft mich das gekostet hat.
Niemand hat gesehen,
wie laut es in meinem Kopf war.
Wie hell das Licht.
Wie viele Stimmen gleichzeitig da waren.
Wie sehr ich versucht habe, alles richtig zu machen.
Dann komme ich nach Hause.
Und ihr fragt:
„Warum bist du denn jetzt schon wieder so?“
Ich weiß es nicht.
Oder vielleicht weiß ich es.
Aber ich finde keine Worte dafür.
Weil nicht nur jetzt gerade etwas zu viel ist. Sondern schon den ganzen Tag. Vielleicht sogar schon seit gestern.
Dann passiert etwas Kleines.
Ein falsches Wort.
Ein Blick.
Eine Berührung.
Eine weitere Aufforderung.
Und plötzlich geht nichts mehr.
„Beruhig dich jetzt!“
Ich höre euch. Wirklich.
Aber eure Worte finden keinen Platz mehr.
Es ist schon alles voll.
„Reiß dich doch zusammen.“
Ich möchte.
Ich würde mich längst zusammenreißen, wenn ich könnte.
Aber mein Körper ist schneller als ich.
Mein Herz schlägt so laut,
dass ich es in meinen Ohren höre.
Meine Hände wissen nicht, wohin.
Mein Kopf fühlt sich an,
als würde alles gleichzeitig passieren.
Ich schreie.
Nicht, weil ich böse bin.
Nicht, weil ich euch verletzen möchte.
Nicht, weil ich meinen Willen bekommen will.
Ich schreie, weil mein Körper
keinen anderen Ausweg mehr findet.
Ihr seht den Moment,
in dem nichts mehr geht.
Ich habe den ganzen Weg dorthin erlebt.
Und manchmal
bleibe ich danach allein.
Allein mit Gefühlen,
die größer sind als ich.
Mit einem Körper,
der sich langsam beruhigt,
aber einem Nervensystem,
das noch lange zittert.
Ich höre:
„In der Schule führst du dich doch auch nicht so auf.“
Ja.
Weil ich dort stundenlang versucht habe, es nicht zu zeigen.
Ich höre:
„Es ist doch gar nichts passiert.“
Doch.
Für euch vielleicht nicht.
Für mich ist schon den ganzen Tag so vieles passiert.
Ich wünsche mir nicht,
dass ihr jedes Gefühl
von mir versteht.
Ich wünsche mir,
dass ihr neugierig bleibt auf das,
was in mir passiert.
Dass ihr nicht nur den Schrei seht,
sondern auch den langen Weg,
der dorthin geführt hat.
Dass ihr nicht fragt:
„Was stimmt denn jetzt schon wieder nicht?“
Sondern vielleicht leise sagt:
„Es ist gerade zu viel.“
Nicht vorwurfsvoll.
Nicht genervt.
Sondern so,
dass ich spüren kann,
dass es in Ordnung ist,
wie es mir gerade geht.
Dass ich nicht falsch bin.
Dass ich nicht erst ruhig werden muss, damit ihr bei mir bleibt.
Dass es mir zu viel sein darf,
ohne für euch zu viel zu werden.
Ich könnte wahrscheinlich
immer noch nicht antworten.
Aber vielleicht müsste ich das auch nicht.
Vielleicht würde es schon reichen,
wenn jemand einfach bei mir bleibt.
Ganz ruhig.
Bis mein Körper langsam wieder merkt, dass ich in Sicherheit bin.
Und vielleicht lerne ich dann, nach und nach, dass ich nicht nur dann geliebt werde, wenn ich ruhig bin.
Wenn ich funktioniere.
Wenn ich mich anpasse.
Wenn ich Erwartungen erfülle.
Sondern auch dann, wenn gerade alles zu viel ist.
Vielleicht lerne ich,
dass eure Liebe
nicht davon abhängt,
wie gut ich mich zusammenhalten kann.