Schattenspiel zweier Hände, die gemeinsam einen Lichtkreis formen

Ich halte noch

Eine literarische Annäherung an die Innenwelt eines Elternteils eines neurodivergenten Kindes
Dieser Text erzählt aus einer möglichen elterlichen Perspektive. Erschöpfung und Liebe, Überforderung und Verbundenheit können gleichzeitig da sein. Dabei darf die Belastung des Elternteils sichtbar werden, ohne die Innenwelt des Kindes aus dem Blick zu verlieren.

„Sie müssen konsequenter sein.“

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Ich nicke.

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Vielleicht lächle ich sogar.

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Nicht, weil ich Ihnen recht gebe.

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Sondern weil ich keine Kraft mehr habe, mich zu erklären.

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Und ich denke:

Wenn Sie wüssten.

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Sie sehen einen kleinen Ausschnitt.

Ich kenne alles, was ihm vorausgegangen ist.

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Mein Schlaf ist leicht geworden.

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Ich höre Geräusche,

die andere gar nicht bemerken.

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Ein Rufen.

Ein Weinen.

Eine Tür.

Eine Bewegung

und ich bin sofort wach.

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Mein Körper hat vergessen,

wie sich wirkliche Ruhe anfühlt.

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Ich bin immer ein bisschen bereit.

Bereit, dass etwas passiert.

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Bereit,

dass das Telefon klingelt.

Dass die Schule anruft.

Dass ein Ausflug nicht klappt.

Dass ein Besuch früher endet.

Dass ich mein Kind auffangen muss.

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Ich liebe mein Kind.
Mehr, als Worte beschreiben können.

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Und manchmal erschrecke ich
über das, was für einen kurzen Moment in mir auftaucht.

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Vielleicht mag ich mein Kind gerade nicht. Ich schäme mich dafür.

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Also drücke ich dieses Gefühl
sofort wieder weg.
Weil ich glaube,
dass ich es nicht fühlen darf.

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Und gleichzeitig

bin ich manchmal

unendlich müde.

Nicht nur körperlich.

Sondern tief innen.

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Von außen sieht man oft nur,

dass ich vieles anders mache.

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Dass ich früher nach Hause gehe.

Dass wir Einladungen absagen.

Dass wir nicht spontan sein können.

Dass wir Dinge vermeiden,

die für andere selbstverständlich sind.

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Was man nicht sieht,

ist das ständige Abwägen.

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Geht das heute?

Ist das zu viel?

Haben wir genug Kraft?

Schaffen wir den Einkauf?

Den Geburtstag?

Den Arzttermin?

Den Heimweg?

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Ich denke in Möglichkeiten.

In Notfallplänen.

In Auswegen.

Immer.

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Manchmal frage ich mich,

wann ich damit angefangen habe.

Und ob ich jemals wieder damit aufhören werde.

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Ich höre:

„Du darfst ihm nicht alles durchgehen lassen.“

„Das muss er lernen.“

„Ihr müsst konsequenter sein.“

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Ich frage mich,

ob sie glauben,

ich hätte das alles noch nicht versucht.‍

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Sie sehen, was ich angeblich zu wenig tue.

Sie sehen nicht, was mich das alles kostet.

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Ich verliere Dinge.

Nicht auf einmal.

Ganz langsam.

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Zwischen all dem,

was jeden Tag von uns verlangt wird.

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Ein Stück Freiheit.

Ein Stück Leichtigkeit.

Manchmal Freundschaften.

Manchmal Nähe.

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Den Urlaub,

den wir uns vorgestellt hatten.

Den Alltag,

von dem ich früher dachte,

er wäre selbstverständlich.

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Und manchmal

verliere ich auch

ein Stück von mir selbst.

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Nicht, weil ich Mutter oder Vater geworden bin.

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Sondern weil so vieles,

was mich einmal ausgemacht hat,

keinen Platz mehr findet.

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Manchmal weiß ich gar nicht mehr,

wer ich bin, wenn ich gerade niemanden

begleite,

organisiere,

erkläre,

plane,

tröste,

kämpfe.

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Und trotzdem

stehe ich am nächsten Morgen wieder auf.

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Nicht,

weil ich immer stark bin.

Sondern weil mein Kind

mich braucht.

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Ich komme an meine Grenzen.

Manchmal auch darüber hinaus.

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Es gibt Tage,

an denen ich nicht mehr kann.

An denen ich am liebsten weglaufen würde.
An denen ich mir wünsche,
die Zeit zurückdrehen zu können.

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Ich mache weiter.

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Ich wünsche mir manchmal,

dass mich jemand nicht zuerst fragt,

wie es meinem Kind geht.

Sondern wie es mir geht.

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Dass jemand sieht,

wie viel Kraft

jeder einzelne Tag kostet.

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Wie viele Entscheidungen

ich treffe,

über die niemand nachdenken muss.

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Wie oft ich funktioniere,

obwohl ich längst erschöpft bin.

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Ich wünsche mir, dass ich nicht immer stark sein muss.

Dass ich auch einmal sagen darf: „Ich kann gerade nicht mehr.“

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Ohne Angst,

dass andere schlecht von mir denken.

Ohne das Gefühl,

mich rechtfertigen zu müssen.

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Ich wünsche mir,

dass mir jemand glaubt,

wenn ich sage,

dass es schwer ist.

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Nicht schwer,

weil mein Kind falsch ist.

Sondern weil unsere Welt

in vielen Dingen

nicht für mein Kind gemacht ist.

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Und weil ich jeden Tag versuche,

zwischen diesen beiden Welten

eine Brücke zu bauen.

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Manchmal wünsche ich mir,

dass jemand einfach innehält,

mich ansieht und sagt:

„Ich sehe, wie viel du jeden Tag leistest.“

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„Ich weiß nicht,

ob ich das könnte.“

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„Ich bewundere,

wie sehr du für dein Kind da bist.“

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Vielleicht würde ich

zum ersten Mal

nicht antworten müssen.

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Nicht erklären.

Nicht kämpfen.

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Vielleicht würde ich

einfach weinen.

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Weil da jemand ist.

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Der sieht.

Der versteht.

Der bleibt.

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Und ich für einen Moment
nichts mehr halten muss.

Persönliche Anmerkung

In meiner psychotherapeutischen Arbeit darf ich Eltern neurodivergenter Kinder und Jugendlicher begleiten. Immer wieder bin ich beeindruckt von dem, was sie tagtäglich leisten – oft, ohne dass es jemand wirklich sieht.

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Viele von ihnen beschreiben einen Alltag, der über lange Zeit von hoher Anspannung geprägt ist. Sie organisieren, begleiten, vermitteln, kämpfen um Verständnis und versuchen gleichzeitig, ihrem Kind Sicherheit und Halt zu geben. Dabei bleibt für sie selbst oft kaum Raum.

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Was mich immer wieder berührt, ist nicht nur ihre Erschöpfung. Sondern auch, wie häufig sie sich mit dem, was sie bewegt, allein fühlen.

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In der Therapie darf all das Platz haben:

·      Die Erschöpfung.

·      Die Wut.

·      Die Traurigkeit.

·      Die Selbstzweifel.

·      Das Gefühl von Ungerechtigkeit.

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Die Sehnsucht nach einem Alltag, der sich für alle Beteiligten leichter anfühlt.

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Und auch die Trauer darüber, dass das eigene Leben anders geworden ist, als man es sich einmal vorgestellt hat.

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Auch Vergleiche dürfen da sein:

·      Der Gedanke: „Warum ist es bei anderen so viel leichter?“

·      Der Schmerz, wenn gleichaltrige Kinder Dinge scheinbar selbstverständlich schaffen, während man sich über einen kleinen Schritt des eigenen Kindes freut, für den es Wochen oder Monate gebraucht hat.

·      Der Neid auf Familien, deren Alltag leichter wirkt.

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All diese Gedanken und Gefühle dürfen ausgesprochen werden.

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Nicht, weil sie die Liebe zum eigenen Kind infrage stellen. Sondern weil sie Teil einer Wirklichkeit sein können, die oft sehr viel Kraft kostet.

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In der Therapie geht es nicht darum, diese Gedanken möglichst schnell loszuwerden oder alles möglichst positiv sehen zu müssen.

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Manches bleibt schwer.

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Aber schwer muss nicht bedeuten, dass man es allein tragen muss.

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Gemeinsam versuchen wir, einen Umgang zu finden, der sich für die jeweilige Familie stimmig anfühlt. Dabei geht es auch darum, sich selbst wieder ein Stück näherzukommen. Sich selbst wieder zu spüren. Die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen – selbst dann, wenn ihnen im Alltag zunächst kaum Raum gegeben werden kann.

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Ich bin überzeugt: Niemand kennt ein Kind in seinem Alltag so gut wie die Menschen, die es Tag für Tag begleiten.

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Deshalb verstehe ich Psychotherapie nicht als einen Ort, an dem ich Eltern erkläre, wie sie ihr Kind begleiten sollten. Sondern als einen Raum, in dem wir gemeinsam neugierig werden – auf das Kind, auf die Familie und auf das, was die Eltern selbst brauchen.

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Vielleicht verändert das nicht alles sofort. ‍

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Veränderung braucht Zeit.

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Aber manchmal beginnt sie genau dort, wo ein Mensch zum ersten Mal erlebt, dass das eigene Erleben gesehen, verstanden und ernst genommen wird.

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„Das gute Leben ist ein Prozess, kein Daseinszustand. Es ist eine Richtung, kein Ziel.“
Carl R. Rogers