Persönliche Anmerkung
In meiner psychotherapeutischen Arbeit darf ich Eltern neurodivergenter Kinder und Jugendlicher begleiten. Immer wieder bin ich beeindruckt von dem, was sie tagtäglich leisten – oft, ohne dass es jemand wirklich sieht.
Viele von ihnen beschreiben einen Alltag, der über lange Zeit von hoher Anspannung geprägt ist. Sie organisieren, begleiten, vermitteln, kämpfen um Verständnis und versuchen gleichzeitig, ihrem Kind Sicherheit und Halt zu geben. Dabei bleibt für sie selbst oft kaum Raum.
Was mich immer wieder berührt, ist nicht nur ihre Erschöpfung. Sondern auch, wie häufig sie sich mit dem, was sie bewegt, allein fühlen.
In der Therapie darf all das Platz haben:
· Die Erschöpfung.
· Die Wut.
· Die Traurigkeit.
· Die Selbstzweifel.
· Das Gefühl von Ungerechtigkeit.
Die Sehnsucht nach einem Alltag, der sich für alle Beteiligten leichter anfühlt.
Und auch die Trauer darüber, dass das eigene Leben anders geworden ist, als man es sich einmal vorgestellt hat.
Auch Vergleiche dürfen da sein:
· Der Gedanke: „Warum ist es bei anderen so viel leichter?“
· Der Schmerz, wenn gleichaltrige Kinder Dinge scheinbar selbstverständlich schaffen, während man sich über einen kleinen Schritt des eigenen Kindes freut, für den es Wochen oder Monate gebraucht hat.
· Der Neid auf Familien, deren Alltag leichter wirkt.
All diese Gedanken und Gefühle dürfen ausgesprochen werden.
Nicht, weil sie die Liebe zum eigenen Kind infrage stellen. Sondern weil sie Teil einer Wirklichkeit sein können, die oft sehr viel Kraft kostet.
In der Therapie geht es nicht darum, diese Gedanken möglichst schnell loszuwerden oder alles möglichst positiv sehen zu müssen.
Manches bleibt schwer.
Aber schwer muss nicht bedeuten, dass man es allein tragen muss.
Gemeinsam versuchen wir, einen Umgang zu finden, der sich für die jeweilige Familie stimmig anfühlt. Dabei geht es auch darum, sich selbst wieder ein Stück näherzukommen. Sich selbst wieder zu spüren. Die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen – selbst dann, wenn ihnen im Alltag zunächst kaum Raum gegeben werden kann.
Ich bin überzeugt: Niemand kennt ein Kind in seinem Alltag so gut wie die Menschen, die es Tag für Tag begleiten.
Deshalb verstehe ich Psychotherapie nicht als einen Ort, an dem ich Eltern erkläre, wie sie ihr Kind begleiten sollten. Sondern als einen Raum, in dem wir gemeinsam neugierig werden – auf das Kind, auf die Familie und auf das, was die Eltern selbst brauchen.
Vielleicht verändert das nicht alles sofort.
Veränderung braucht Zeit.
Aber manchmal beginnt sie genau dort, wo ein Mensch zum ersten Mal erlebt, dass das eigene Erleben gesehen, verstanden und ernst genommen wird.








